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Thomas-Mann-Bär

Thomas Mann-BärDer ausgestopfte russische Braunbär der Familie Mann stand im Foyer des Münchner Hauses von Thomas Mann in der Poschingerstraße. Ursprünglich ein Geschenk an die Eltern Thomas Manns in Lübeck hatte das Familienmaskottchen alle Umzüge mitgemacht. Nach der Emigration der Familie Mann 1933 wurde der Bär von dem Münchner Geschäftsmann Josef Michael Matt erworben und in dem Schaufenster des Lederwarengeschäfts Matt in der Sendlinger Straße aufgestellt. Maria Matt, die den väterlichen Laden übernahm, siedelte in den 50er Jahren in die Kreuzstraße über. Bis zu ihrem Tod am 14.11.2000 war dort der Bär im Schaufenster des kleinen Ladens gegenüber der Kreuzkirche zu sehen. Der Erbe Maria Matts, Thomas Kleinsteuber, gab den Bären als Dauerleihgabe an die Stadt München, damit er im Literaturhaus für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die Geschichte des Bären

Die schönste Beschreibung der Beziehung, die die Kinder der Familie Mann zu ihrem nur scheinbar gefährlichen Familienmaskottchen hegten, findet sich in Viktor Manns Erinnerungen »Wir waren fünf«. Der Bruder der Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann schreibt dort:

»Da stand in der großen Diele zwischen den riesigen Mahagonischränken und der mächtigen Lübecker Truhe der ausgestopfte sibirische Braunbär aufrecht auf seinem schwarzen Sockel und hielt mit den scharf bewehrten Vordertatzen die dunkelrote russische Holzschale für die Visitenkarten. (Der damalige Brauch, diese sich ständig mehrenden papierenen Höflichkeitsbeweise jahrelang sichtbar aufzustapeln, wird mir ewig unerklärlich bleiben.) Aus dem offenen Rachen drohte das böse weiße Gebiß, aber die braunen Glasaugen und die breite rote Holzzunge wirkten gutmütig, so daß die plump dienende Haltung einigermaßen glaubhaft schien, in der das Raubtier vom Präparator verewigt worden war. Immerhin erschraken manchmal Geschäftsboten oder Handwerker, wenn sie die recht lebendig wirkende Gestalt zum erstenmal sahen, und ich war sehr stolz darauf, gelegentlich solche festen Männer mit den Worten »Der tuat Eana nix!« beruhigen zu können. Ich kam mir dann fast wie ein Tierbändiger vor. »Der Bär«, ein Hochzeitsgeschenk aus Rußland für unsere Eltern, war ein Familienstück par excellence. Wir haben alle fünf als Kinder in ihm eine Art Haustier gesehen, und später bedeutete er uns fast das Sinnbild des Hauses. Immer wieder entmottet, geflickt und geleimt, zog er mit uns von Wohnung zu Wohnung und kam nach meiner Heirat zunächst an mich, später zu Thomas in das Haus an der Poschinger Straße, wo er wieder in einer großen Diele spielenden Kindern zuschauen konnte. Wie das »Bilderbuch für artige Kinder« fiel unser Bär dort dem Dritten Reich zum Raub. Entweder hat ein »Herrenmensch« sich ihn schlankweg angeeignet, oder ein »Volksgenosse« hat ihn bei der Versteigerung erworben. Thomas hat ihm in den »Buddenbrooks« ein Denkmal gesetzt. Mir ist eine alte Photographie von ihm geblieben, auf der das Mädchen Carla im Garten der Rambergstraße sich an ihn schmiegt. Zwei dahingegangene Angehörige!«

Tatsächlich war der Braunbär ein Geschenk von Onkel und Tante Sievers, Verwandten der Manns aus St. Petersburg. Seinen ersten Standort hatte er in dem Haus in der Beckergrube in Lübeck. Bei jedem Umzug der Familie Mann siedelte auch der Bär um, so auch 1892, als Julia Mann nach dem Tod ihres Mannes mit den fünf Kindern nach München zog, zunächst in die Rambergstraße 2,wo die einzig erhaltene Originalphotographie des Bären zusammen mit Thomas Manns Schwester Carla entstand, und später in die Herzogstraße 3. Viktor Manns oben zitierte Erinnerungen an den Bären stammen aus der Zeit in der Herzogstraße.

Der Bär und die »Buddenbrooks«

In Thomas Manns 1901 erschienenen Erstlingsroman »Buddenbrooks« fungiert der Bär als Geschenk anlässlich der Taufe des jüngsten Buddenbrook-Sprösslings Hanno. Es heißt dort:

»Übrigens haben sie [Pastor Sievert Tiburtius und seine Frau Clara, die Schwester von Thomas, Christian und Toni Buddenbrook] den Buddenbrooks ein prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten, ausgestopften braunen Bären mit offenem Rachen, den ein Verwandter des Pastors irgendwo im inneren Russland geschossen und der jetzt, eine Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.«

Der Bär nach 1933

Als Thomas Mann im Januar 1914 die Villa in der Poschinger Straße 1 kaufte, fand auch der Braunbär aus seinem Elternhaus hier eine neue Bleibe. 1933, elf Tage nach Hitlers Machtergreifung, konnte der inzwischen berühmt gewordene Schriftsteller von einer Vortragsreise nicht mehr nach München zurückkehren. Die Nationalsozialisten zwangen ihn, ins Exil zu gehen, zunächst in die Schweiz, später nach Santa Monica in Kalifornien. Sein Haus wurde beschlagnahmt, das ganze Inventar versteigert.

Der Münchner Geschäftsmann Josef Michael Matt erwarb den russischen Braunbären und stellte ihn in das Schaufenster seines Lederwarengeschäfts in der Sendlinger Straße. Seine Tochter Maria Matt übernahm den Laden ihres Vaters und siedelte in den 50er Jahren in die Kreuzstraße über. Von da an stand der Bär neben Taschen und Schwämmen im Schaufenster des Lederwarengeschäfts Matt gegenüber der Kreuzkirche. Vier Jahrzehnte lang konnte man ihn dort stehen sehen, einen Stapel Fensterleder auf seinen Vordertatzen.

Mit dem Tod von Maria Matt am 14. November 2000 wurde der Laden aufgelöst. Ihr Erbe, Thomas Kleinsteuber, gab den Braunbären als Dauerleihgabe an die Stadt München. Nun kann man ihn, schön restauriert, im 3. Obergeschoß des Literaturhauses München begutachten.

Weitere Hinweise in:
»Das Hackenviertel«. Bürger schreiben für Bürger. Schriftenreihe des Instituts Bavaricum München. Elfi Zuber. Bd. 1, 1984, S. 154-160
Der Bär ist eine Leihgabe von: Thomas Kleinsteuber und der Landeshauptstadt München.