… und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends

1898 Bertolt Brecht 1998

Bertolt Brecht, dem unsere Ausstellung in den Monaten Juni und Juli gewidmet ist, muß in seinem Jubiläumsjahr heftige Diskussionen aushalten. In der DDR zur Integrations- und Symbolfigur erhoben und mißbraucht zugleich, dient er, wie zahlreiche Umfragen und Interviews der letzten Zeit belegen, vielen Autoren immer noch als literarische Bezugsperson und als ideologische oder ästhetische Reibungsfläche. Nicht zuletzt aus diesem Grund, aber auch weil im Osten Deutschlands seit der Vereinigung eine originäre, sprachlich äußerst experimentierfreudige und formbewußte Literatur hervorgetreten ist, werden in diesen zwei Monaten Autoren aus den neuen Ländern im Literaturhaus zu Gast sein.

1898 Bertolt Brecht 1998: »…und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends«

»Vierzig Jahre«, prophezeite der zweiundzwanzigjährige Brecht, »und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends.« Mit dem Gestus der Selbststilisierung , den der junge Stückeschreiber beherrschte, notierte er wenig später: »Ich beobachte, daß ich anfange, ein Klassiker zu werden.« Dieses Schicksal holte ihn ein, freilich um den Preis der von Max Frisch konstatierten »durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Klassikers«. Dabei erweist sich, daß Brecht wie wenige das Theater, die Literatur und das politische Denken in der ganzen Welt beeinflußt hat. Brechts Themen spiegeln das 20. Jahrhundert: Marxismus und Sozialismus, dialektisches Denken, Ökonomie, Faschismus und Krieg, Verantwortung der Naturwissenschaften, Kunstformen und Wahrnehmungsweisen der Moderne.
Der 100. Geburtstag Brechts wird zum Anlaß genommen, das Werk dieses Autors auf seine Aktualität hin zu prüfen.
Die Ausstellung rückt die Arbeitsbibliothek des Schriftstellers in den Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund einer Dokumentation von Leben und Werk zeigen und akzentuieren ausgewählte Bücher mit Eintragungen, Bearbeitungsvermerken und Widmungen Brechts Denken, Schreiben und Handeln.
Die Quellen und Arbeitsmaterialien treten in Beziehung zu Dokumenten aus dem Bertolt-Brecht-Archiv und anderer Leihgeber: Handschriften, Typoskripte, Lebenszeugnisse, Fotos, Korrespondenzen, ergänzt durch Graphiken, Plastiken, Möbel und andere persönliche Utensilien des Autors.
Der Versuch, Brechts Arbeitsweise zu beschreiben, ist eine Annäherung an die Werk- und Denkgeschichte. Exemplarische Werke und Gegenstände erzählen Stationen einer intellektuellen Biographie. Über Vorgänge, die Brecht inspirierten, und Ideen, die im Manuskript Gestalt annahmen, eröffnet sich der Zugang in die Werkstatt des Künstlers.
Fragment gebliebene Versuche, Entwürfe und Arbeitspläne dokumentieren die sorgfältig geplante Genese eines großen literarischen Werkes in all seinen Stadien, in seinem Gelingen und Scheitern. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog der Akademie der Künste Berlin mit unbekannten Texten und Fotos, Gesprächsaufzeichnungen und Randglossen in den Büchern des Autors.