Der Gesang des Todes

Robert Musil und der Erste Weltkrieg

»Über ihn weg schossen sie, Freund und Feind, und er lag zwischen beiden, von beiden verlassen wie Brot, das gegessen ist, von beiden mit der gleichen Herzlosigkeit bedroht.«

Robert Musil, »Der Gesang des Todes«

Das Plakat zur Ausstellung (Gestaltung: unodue) Robert Musil mit seinen Auszeichnungen, um 1918 Foto: © Robert Musil Literatur Museum, Klagenfurt

Der Erste Weltkrieg hatte eine zentrale Bedeutung für Robert Musil – nicht nur innerhalb seiner Biografie, sondern auch für sein schriftstellerisches Schaffen. Wie viele Schriftsteller und Intellektuelle meldete er sich 1914 zum Kriegsdienst. Stationiert an der österreichisch-italienische Grenze in Südtirol, nahm Musil mit dem Kriegseintritt Italiens ab Mai 1915 als Offizier an militärischen Einsätzen in Südtirol und am Isonzo teil. 1916 arbeitete er als Redakteur für von der Armeeleitung herausgegebene Zeitungen, zunächst für die Tiroler Soldaten-Zeitung in Bozen, 1918 für die Heimat in Wien.
In der Ausstellung »Robert Musil und der Erste Weltkrieg« werden sowohl die biografischen und gesellschaftlich-historischen Hintergründe gezeigt, als auch veranschaulicht, wie der Autor die eigene Kriegserfahrung im Werk verarbeitet hat. Neben den literarischen Kriegsbildern in Musils Prosa geben Tagebücher und Briefe Einblick in seinen Umgang mit dem Erlebnis der Krieges, persönliche Objekte und audiovisuelle Materialien veranschaulichen die biografischen Stationen. Historische Fotos und Filme dokumentieren die Härte des Krieges im Gebirge und an der Isonzofront.

»Große Geschosse nicht zu hoch über der eigenen Stellung lassen den Laut zum Rauschen anschwellen, ja zu einem Dröhnen der Luft, das einen metallischen Beiklang hat. So gestern auf dem Monte Carbonile, als die Italiener von der Cima Manderiolo auf den Pizzo di Vezzena schossen und die Panorotta über uns weg auf die italienischen Stellungen. Der Eindruck war der eines unheimlichen Aufruhrs in der Natur. Die Felsen rauschten und dröhnten. Gefühl einer bösartigen Sinnlosigkeit.«

Robert Musil, Tagebuch, 1915

»Krieg. Auf einer Bergspitze. Tal friedlich wie auf einer Sommertour. Hinter der Sperrkette der Wachen geht man wie [ein] Tourist.«

Robert Musil, Tagebuch, 1915

»Ende Juli. Eine Fliege stirbt: Weltkrieg. Das Grammophon hat sich schon durch viele Abendstunden gearbeitet. […] In den Köpfen wolkt Traurigkeit und Tanz.«

Robert Musil, Tagebuch, 1915

»Einzelne melancholische Gewehrschüsse; zeitweilig stärkeres Feuer – melancholisch in der Nacht. Beschiessung: Zusammenfassung: Der Tod singt hier.«

Robert Musil, Tagebuch, undatiert

PRESSESTIMMEN:

»Beispielhaft gelingt es den Kuratoren Reinhard G. Wittmann und Karolina Kühn, verschiedene Ebenen zu einem sinnhaften und gewinnbringenden Ganzen zu verweben. Das beginnt bereits bei der Ausstellungsarchitektur: Eine stilisierte Gebirgslandschaft aus gestapelten grauen Würfeln teilt den kleinen Raum in verschiedene Bereiche. Musil selbst kämpfte in den Alpen. (…) Die Ausstellung macht Musils Kriegserlebnisse anschaulich und fassbar. Nicht plakativ, sondern ganz gemäß seiner eigenen Linie sachlich, unaufgeregt und mit reflektierter Präzision – das ist die große Leistung der Münchner Ausstellung. (…) In diesem Jahr, dem es nicht an Büchern, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen zum Ersten Weltkrieg mangelt, ist die Münchner Ausstellung unentbehrlich.«

Saskia Müller, Frankfurter Allgemeine Zeitung