BAYERISCHE AKADEMIE DES SCHREIBENS

Nava Ebrahimi gewinnt den Bachmannpreis 2021

»Glaube ja nicht, die Sprache, die du sprichst, wäre deine Sprache.«

Einer der ersten Sätze des ersten Romans von Nava Ebrahimi. 2013 hatte sie sich damit um die Teilnahme des Romanseminars unserer Schreibakademie unter Christiane Schmidt und Christoph Peters beworben und wurde eingeladen. Zur Bewerbung hat sie zehn Seiten der »Sechzehn Wörter« vorgelegt, die 2017 bei btb erschienen sind und gleich mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet wurden. Gefragt, was sie sich von dem Seminar wünsche, hat sie damals unter anderem angegeben zu lernen, wie man Spannung aufbaut und hält.

Sie weiß es inzwischen gut, das konnte man hören! Die Erzählung »Mein Cousin«, für die sie in der letzten Woche den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat, führt die Schriftstellerin und Ich-Erzählerin mit dem Cousin und Tänzer zusammen. Beide Familien sind aus dem Iran geflohen. Nun kommt sie aus Deutschland und sie treffen sich im Lincoln Center New York. Künstlerempfang, Small Talk. Es gibt einen Sog zwischen den Sätzen dieser Erzählung; es gibt einen Sog zu etwas Unerzähltem; es gibt einen Sog zur Kunst. Im Tanz wie im Roman behandeln beide ein dunkles Kapitel der Flucht. Doch was ist erreicht, wenn es dort tatsächlich einen Ausdruck gefunden hat?

»Glaube ja nicht, die Sprache, die du sprichst, wäre deine Sprache.« Ich erinnere mich an die Diskussionen über den Roman in unserem Seminar und es kommt mir vor, als ob jeder Satz der Erzählung denen des Romans eine neue Dringlichkeit gibt. Dort ging es um die Übersetzung von 16 Wörtern, nun ist Übersetzung zu einer Utopie des Selbstausdrucks geworden.

Wir danken Nava Ebrahimi für solche Erzähl- und Sprachtransfers und gratulieren von Herzen zum Ingeborg-Bachmann-Preis.

Stimmen aus dem Romanseminar

»Nachdem Nava den Bachmannpreis gewonnen hat, glühen nachts am Horizont die Berge. Ich glaube, es ist ein Elmsfeuer. Ich bin in der Steiermark und auf Navas Hütte zum Schreiben. ›I know, science … not signs‹, sage ich zu meiner Begleitung, aber könnte es etwas passenderes geben, als dass die Bergwelt zwischen Graz und Klagenfurt vor Freude leuchtet, gerade heute?

Nava und ich kennen uns von einem Seminar der Bayerischen Akademie des Schreibens. Wir kennen uns und unsere Texte sehr gut seither – und Nava und ihre Texte leuchten, sind lebendig –, und ich wiederum kenne niemanden, dem ich den Preis mehr gönne als ihr. Als Autorin und als Mensch. Herzlichen Glückwunsch, liebe Nava, du hast den Bachmannpreis verdient!«

Manuel Niedermeier

 

»Für mich war es eine große Freude, in der bayrischen Akademie des Schreibens ein Jahr lang mit Nava an ihrem ersten Roman zu arbeiten. Sie brachte von Anfang an eine ziemlich genaue Vorstellung des Textes mit, den sie schreiben wollte, und hatte vom ersten Tag an eine unprätentiöse Ernsthaftigkeit und Genauigkeit, sowohl der eigenen als auch der Arbeit der anderen gegenüber. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stand immer der Text, der in die bestmögliche Form kommen sollte. Ich freue mich sehr und bin auch ein bisschen stolz, dass Du jetzt den Bachmann-Preis gewonnen hast, liebe Nava!«

Christoph Peters

 

»Liebste Nava, wäre kein Corona, wir hätten in Klagenfurt getanzt bis zum Umfallen! Die Lichter wären schon angegangen, aber du hättest die Tanzfläche gerockt wie zuvor die Lesebühne! ›Virtuoses Formenspiel‹, das wurde in der Jurydiskussion über deinen Text gesagt. Du bist auch eine begnadete Tänzerin, aber das wissen noch die allerwenigsten.

Weißt du noch, wie wir nach einem Seminar der Bayerischen Akademie des Schreibens ehrfürchtig vor dem Sofa von Ingeborg Bachmann standen (vielleicht saßen wir auch heimlich darauf) – und jetzt, ein paar Jahre später, hast du ihn gewonnen: Den Ingeborg Bachmann Preis! Dein Text war so großartig, dass ich Gänsehaut bekommen habe beim Zuhören!
Danke für deine Geschichten, Nava! Ich finde, sie bereichern die Welt!«

Filiz Penzkofer

Nava Ebrahimi © Clara Wildberger

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