Di 20.10.20 // 20 Uhr // Saal & Stream
Einlass 19.30 Uhr
Studio Salvatorplatz

Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht

Lesung mit Andrea Petković

Moderation: Günter Keil

Es ist d a s Debüt dieses Herbstes: der Erzählungsband »Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht« der Weltklasse-Tennisspielerin Andrea Petković (Kiepenheuer & Witsch). Dass sie eine passionierte Leserin ist, zeigt sie in ihrem Online-Buchclub »Raquet Book Club«. Ihrer Liebe zum Kino hat sie in einer fabelhaften Kolumne im SZ Magazin Ausdruck verliehen. In ihren literarischen, autobiographischen Geschichten erzählt sie nun ehrlich und mit entwaffnendem Humor von ihrer Kindheit in Darmstadt als Flüchtlingskind aus dem ehemaligen Jugoslawien, von Begegnungen auf und neben dem Tennisplatz, von Siegeswillen und Selbstzweifeln, Rivalität und Freundschaft. Ihr literarisches Debüt ist eine kluge und poetische Hommage auf das Auf und Ab des Lebens – das sich vom Tennisspiel gar nicht so sehr unterscheidet.

»Manchmal, wenn es mir so richtig schlecht geht, es mindestens 22 Tage am Stück geregnet hat, das dritte Stück Kuchen nicht mehr so schmeckt wie das erste, Game of Thrones das Saisonfinale versäbelt hat und James Blunt ein neues Album ankündigt, mache ich etwas, das ich keiner Menschenseele jemals verraten würde.

Oh…

Ich klappe meinen Computer auf, begebe mich schnurstracks zu YouTube und gebe, hektisch hinter mich schauend,  A n d r e a P e t k o v i ć  vs.  M a r i a  S h a r a p o v a  in die Suchleiste ein, drücke auf Play und los geht’s. Ich schaue auf meine Beinarbeit, die Art, wie ich mich in den Platz hineinbewege, wie früh ich die Bälle nehme und wie entschlossen ich zuschlage – über jeden Zweifel erhaben und voller Selbstbewusstsein. Ich scheine unbeeindruckt davon zu sein, einem der größten Stars des Damentennis gegenüberzustehen, und gewinne in glatten zwei Sätzen. Meistens klicke ich mich dann mittels der rechts vorgeschlagenen Videos, die auf einem Algorithmus basieren, der genau weiß, was ich mag, in einen YouTube-Treibsand hinein und lande vier Stunden später bei einem Make-up-Tutorial für Giraffen.

An einem dieser Tage jedoch – im Video konnte ich mal wieder kaum direkte Fehler von mir erkennen – beging ich im echten Leben einen folgenschweren. Nachdem das Video zu Ende war, scrollte ich nach unten, um die Kommentare zu lesen. Da würden sicherlich sachliche Meinungen zum eben gezeigten Match stehen?

Ähm, nein.

›Immer gewinnen die Hässlichen. :(‹ Der schmollende Smiley ein Ausdruck der Enttäuschung über die in der Welt herrschende Ungerechtigkeit.

›Seit wann lassen die Männer in der Damenkonkurrenz zu?‹

Ich schaute noch einmal ins Video. Okay, ich war muskulös und dieses Outfit schmeichelte meiner Figur nicht gerade und vielleicht hätte ich die Haare anders binden sollen? Nicht in einem Dutt, der am funktionalsten war, sondern in einen langen, wallenden Pferdeschwanz oder einen geflochtenen Zopf zum Beispiel?

›Stöhnen die beim Sex genauso?;)‹

Freundschaftlicher Tipp: Wenn deine Freundin beim Sex genau solche Geräusche macht wie wir Tennisspielerinnen bei extrem anstrengender sportlicher Betätigung, dann machst du vielleicht etwas falsch?

Durch die Kommentare zu scrollen, war eine langsame Art, Selbstmord am eigenen Selbstbewusstsein zu begehen, und ich kostete sie genüsslich.«

LESEPROBE Andrea Petković »Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht« (Kiepenheuer & Witsch)