Fr 26.6.20 // 18 Uhr // per Videokonferenz
OFFENE WERKSTÄTTEN ONLINE

WAS SAGEN PEGGY UND MAX DAZU?

Mit Markus Orths

ÜBER FIGUREN(ER)FINDUNG UND FIGURENGESTALTUNG

»… denn das tat ich in den folgenden Monaten: Täglich sechs, acht, manchmal zehn Stunden hintereinander über den Schweden nachdenken; ich tauschte meine Einsamkeit gegen seine, lebte in diesem von mir so verschiedenen Menschen, verschwand in ihm, versuchte mir Tag und Nacht ein Bild von diesem Mann zu machen, … machte ihn im Lauf der Zeit zur wichtigsten Gestalt meines Lebens – … «

Philip Roth »Amerikanisches Idyll«, rororo, 2000 (S. 107)

Jeder Text lebt von den Menschen, die in ihm atmen: Ihre Erfahrungen, Fragen, Sorgen und Konflikte sind es, denen die Leser*innen durch das Buch folgen. Vielleicht werden die Figuren ‑ durch die von Philip Roth beschriebene Einfühlung ‑ zu Menschen aus Fleisch und Blut. Vielleicht aber kann ich beim Erschaffen von anderen Menschen die eigene Brille auch gar nicht absetzen, und die entstehenden Figuren bleiben Abschattungen meiner selbst. Oder es ist beides: ein Spiel von Nähe und Distanz, von Eigenem und Fremdem.

Im Seminar möchten wir herausfinden, wie man als Autor*in überhaupt auf Figuren kommen kann und ihnen im Text Leben einhaucht. Es geht um die zwei Seiten des »Erschaffens«: Figuren planen auf der einen Seite; sich von den Figuren überraschen lassen auf der anderen. Figuren frei erfinden oder aber über Menschen schreiben, die wirklich gelebt haben (z.B. Peggy Guggenheim oder Max Ernst). Es geht um die Entwicklung von Figuren in den konkreten Situationen und Szenen, in denen sie sich wiederfinden.

Das Online-Seminar widmet sich dem Herz und Kernstück des Schreibens: Dem Menschen. Wir werden uns Beispiele aus der Literatur anschauen, in kleineren Übungen und größeren Schreibaufgaben eigene Porträt-Versuche starten und diese dann gemeinsam besprechen.

  1. TEIL (FR 26.6.): FIGUREN FINDEN –Wie komme ich überhaupt auf eine Hauptfigur? Was drängt mich, ausgerechnet über diesen Menschen zu schreiben? Wovon kann ich mich inspirieren lassen? Wie kann ich reale Vorbilder verfremden?
  2. TEIL (FR 3.7.): FIGUREN GESTALTEN – Welche Möglichkeiten der Figurenzeichnung gibt es? Was ist der allgemeine Hintergrund einer Figur? Und was ist das Besondere? Das Schützenswerte? Wo liegt ein Identifikationspotenzial? Wie gehe ich mit Nebenfiguren um? Welche Möglichkeiten bietet das Kurzporträt?
  3. TEIL (FR 10.7.): FIGUREN ENTWICKELN – Wie entwickle ich eine Figur? Wie viel plane ich? Und wie sehr lasse ich mich von der Figur überraschen und an die Hand nehmen? Weiß ich, was die Figur will? Und was ihr gut tun würde? Wo liegt ihr wunder Punkt? Wo sehe ich innere und äußere Konflikte? Und: Müssen sich alle Figuren entwickeln?
  4. TEIL (FR 17.7.): FIGUREN HANDELN LASSEN – Was tut meine Figur in welcher Lage? Wie finde ich eine Glaubwürdigkeit und Stimmigkeit? Bleibt Raum für Überraschendes? Wie wird das Überraschende ins Erwartbare integriert?
  5. TEIL (FR 24.7.): FIGUREN BEGEGNEN LASSEN – Männer-Freundschaft? Erbitterter Hass? Die große Liebe? Wie kann ich Stereotype, Gutmenschen und Monster vermeiden? Wie begegnen sich unterschiedliche Menschen auf eine originelle, berührende, packende Weise?
  6. TEIL (FR 31.7.): FIGUREN SPRECHEN LASSEN – Wie spricht meine Figur überhaupt? Was sagt sie, und warum sagt sie es? Und was würde sie stattdessen lieber sagen? Kurz: Wie entstehen Dialoge?
© privat

MARKUS ORTHS wurde 1969 geboren und studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg und lebt als freier Autor in Karlsruhe. Im Januar 2020 erschien der Roman »Picknick im Dunkeln« (Hanser). Vier seiner zwölf Bücher sind in insgesamt achtzehn Sprachen übersetzt worden und wurden vielfach ausgezeichnet. Der Film »Das Zimmermädchen« (nach dem Roman »Das Zimmermädchen« // Schöffling & Co.) kam 2015 in die Kinos. Zudem schreibt Markus Orths Hörspiele und Kinderbücher. Im Februar erschien das erzählende Kinderbuch »Luftpiraten« (Ueberreuter Verlag). Markus Orths unterrichtet seit vielen Jahren literarisches Schreiben, in diesem Jahr auch an der Bayerischen Akademie des Schreibens. Er wurde mit verschiedenen Poetikdozenturen betraut und leitet in Göttingen eine Lehrer-Fortbildung zum Literarischen Schreiben. Nähere Informationen unter www.markusorths.de