Postkarten vom Schreibtisch

NEUIGKEITEN DER AUTOR*INNEN DER BAYERISCHEN AKADEMIE DES SCHREIBENS

Die Autor*innen, die aus unserer Schreibakademie hervorgegangen sind, schicken sie uns schon lange, die Postkarten vom Schreibtisch. Jetzt sollen sie an alle gehen. Was und wo ist dein Schreibtisch, was geschieht da? Auch diese Frage stellt sich (möglicherweise) neu. Homeoffice, aber das war es doch schon immer? Oder plötzlich Unterrichtsplatz für die Kinder? Und kann man dort noch Romane und Gedichte schreiben, in dieser dürftigen Zeit?
Hier kommt wöchentlich eine neue Antwort.

8. STEFAN SPRANG

»Könnte längst weiter sein. Mit Henrys Sommer-Story. Damit, wie der pleitereife Versicherungsmakler versucht, per Facebook eine uralte Liebschaft (»Greta«, meine Namenswahl deutlich vor FFF) zurückzubaggern. Während ihn doch die forsche Vicki so klasse findet. Aber: Jede Zeile = Zweifel. Will so ein Ding, melancholisch wie heiter, überhaupt noch wer lesen, wenn es in einem Jahr erscheint? Wo es um Heimat geht und ambivalenten Enthusiasmus fürs Vergangene? Atmosphärisch, gedanklich, alles irre weit vorm verdammten Überthema 2020. Und auch diese Angst: Gibt‘s meinen kleinen Verlag 2021 noch? So fragend kaufe ich mir täglich Schreibschneid ab. Trotz großen Glücks: Keine Existenzsorgen als freier Hörfunkredakteur – aber eben viele kreative.«

Stefan Sprang

STEFAN SPRANG ist seit 1990 freier Hörfunkautor und -redakteur beim Hessischen Rundfunk, den er regelmäßig verlässt. Er schreibt für das Theater, ist ein großer Jazzliebhaber. Nichts im weiten Reich der Musik und Literatur, worüber man mit ihm nicht sprechen kann. 2011 erschien sein Debütroman »Fred Kemper und die Magie des Jazz«. 2018 wurde sein Theaterstück »helden: tot« vom Theater Essen Süd uraufgeführt. Mit seinem Romanprojekt über den jüdischen Operntenor war er eingeladen ins Seminar über Historische Stoffe im Roman unter Leitung von Ulrike Draesner und Gunnar Cynybulk. 2019 erschien er unter dem Titel »Ein Lied in allen Dingen. Joseph Schmidt« (Größenwahn Verlag). Stefan Sprang findet darin einen sympathetischen Ton für das Schicksal und die Schlager dieses Sängers.

 

7. ANGELA LEHNER

»Hauptsächlich esse ich. Am liebsten ungesunde Zuckermüslis von Großkonzernen. Pro Tag esse ich zwischendurch ungefähr eine Packung von diesen nougatgefüllten Miniatur-Müslikissen. Eigentlich sollen die in eine Schüssel mit Milch, aber dazu fehlt mir die Geduld. Die Nougatkissen leere ich neben mir direkt auf den Schreibtisch, wenn ich die Hand in einer Schreibpause auf der Tischplatte ablege, stören mich die Krümel. Ich befinde mich in den Endzügen meines Aufenthaltes im Stuttgarter Schriftstellerhaus. Hier arbeite ich angeblich an meinem zweiten Roman. Die Corona-Angst erfasst mich wie den Großteil der Menschen in Wellen. Manchmal liege ich nachts wach und beruhige mich mit dem Gedanken, dass ich es noch gut getroffen habe, dass alles wieder wird. Manchmal gelingt mir das Beruhigen nicht.«

ANGELA LEHNER

ANGELA LEHNER war noch Literaturwissenschaftsstudentin in Erlangen, als sie 2015 an den Universitätsseminaren der Bayerischen Akademie des Schreibens teilgenommen hat. Dort entstanden schon erste Textteile ihres Romans »Vater unser«, den sie mit einem Stipendium für die Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums in Berlin weiter diskutiert und fertiggestellt hat. Eine beharrliche Arbeit, die von außen wie ein Durchstart wirkt: 2019 erschien der Roman bei Hanser Berlin und wurde unter anderem gleich mit dem Rauriser Literaturpreis und mit dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt ausgezeichnet. Im Moment arbeitet sie an ihrem zweiten Roman, der sich mit einer Gruppe Jugendlicher im Dorf beschäftigt.

 

6. MICHAELA MARIA MÜLLER

»Der Tag am Schreibtisch beginnt jetzt früher als sonst. Ich stehe um fünf Uhr auf, um an meinem nächsten Roman zu arbeiten. Mein Buchtagebuch, das mich beim Schreiben begleitet, notiere ich auch viel über den neuen Alltag. Tagsüber jongliere ich die Zeit in kleinen Einheiten. Zu Hause arbeiten, telefonieren, Menschen bei Videokonferenzen begegnen und das tägliche Lernen mit meinem Kind. Tatsächlich macht mir grade Mathematik Spaß: einfach ein Problem auf dem Papier lösen zu können.
Ich bin in dem Anderssein noch nicht angekommen. Die Tage sind gleich. Mit der Wiederholung kann ich gut leben. Aber es bleibt die Unsicherheit, was danach kommt. Ich öffne jeden Tag einen Glückskeks und die besten Botschaften bewahre ich auf.«

MICHAELA MARIA MÜLLER

Manche Autoren entwickeln ihre Stoffe ganz aus der Sprache, für andere ist der Bezug zur gesellschaftlichen Realität maßgebend, denn auf die wollen sie einwirken. Zu letzteren gehört MICHAELA MARIA MÜLLER, die als Journalistin bei den Dachauer Nachrichten begann und bald weit in die Welt kam. Ein Schwerpunkt ihres Engagements als politische Korrespondentin und Veranstalterin sind Afrika und seine Flüchtlinge. Mit »Auf See. Die Geschichte von Ayan und Samir« (Frohmann Verlag) nahm sie 2015 am ersten Sachbuch-Seminar der Schreibakademie unter Stefan Bollmann und Wolfgang Büscher teil. Dem Nachwirken von Krieg und Holocaust gelten jüngste Essais im MERKUR. Und das neuste Buch ist wirklich ein Buch des Tages für jede*n von uns: »Kochen mit Zukunft. Rezepte für ein gutes Klima« (mikrotext).

 

5. KATJA BOHNET

»Schreibtisch, Esstisch, Lesetisch, Kunsttisch, Schultisch, Basteltisch, Malertisch, Küchentisch, Gartentisch. Du Tisch, der alles kann! Ein Buch verstarb an einer Corona-Infektion. Ein neues wird geboren. Die Schwester mit dem Waffenschrank, der Schulfreund in Uniform, die Malerin, die niemand kennt. Die Giftmischerin. Sie ist, ich bin Alice im Wunderland. Suche die Nähe derer, die ich liebe. Meine Kinder, meine Figuren. Kenne trotz Kontaktverbots keine Einsamkeit. Verlasse kaum das Haus und bin doch überall.«

Katja Bohnet

»Komm näher und tritt ein. Ich bin nur eine harmlose Schriftstellerin und stehe auf Spannungsromane und saure Pommes. Wenn Besuch kommt, koche ich Kaffee. Nimmst du deinen mit Zucker, Milch oder Arsen?« So begrüßt uns KATJA BOHNET auf ihrer Homepage. Als sie 2014 in das Krimiseminar mit Zoë Beck und Thomas Wörtche kam, hatte sie schon einen Buchvertrag in der Tasche. Seither hat sie fünf Romane veröffentlicht, die mit Rasanz und einer gehörigen Dosis Pulp Fiction in die Welt des Verbrechens, aber auch auf Bestenlisten und zu Glauser-Preis- Nominierungen führen. Das jüngste Werk heißt »Fallen und Sterben« (Knaur). Katja Bohnet lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der hessischen Provinz.

 

4. DAVID BLUM

»Ich fühle mich, ehrlich gesagt, etwas überflüssig dieser Tage, in denen so viel über Systemrelevanz gesprochen wird. Der Verlag, bei dem ich als Redakteur arbeite, hat Kurzarbeit angemeldet. Mein Reisebuchverlag hat die Produktion komplett gestoppt. Geblieben sind Spaziergänge im Park vorbei an abgesperrten Spielplätzen, die Arbeit an meinem Roman und ein Blog über Autor*innenschaft und Elternschaft, das ich seit Februar zusammen mit Katharina Bendixen und Sibylla Vričić Hausmann betreibe. Und manchmal komme ich dabei nicht umhin, an eine Vogeltränke zu denken.«

David Blum

DAVID BLUM hat 2016 an einem Kurzgeschichtenseminar unter der Leitung von Franziska Gerstenberg und Günther Eisenhuber teilgenommen. Er studiert seit 2015 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und schreibt an seinem ersten Roman, für den er u.a. ein Arbeitsstipendium vom Land Brandenburg erhielt. Der Roman spielt im brandenburgischen Amateurfußballmilieu Anfang der 2000er Jahre: Ein alternder Fußballspieler träumt davon, ein Tor in einem Profispiel zu schießen. Er hat seinen Verein nach oben gebracht, doch kurz vor dem ersehnten Aufstieg läuft alles gegen ihn. Ein Auszug ist in der Anthologie »Herz & Rasen. 11 Kurzgeschichten über Fußball« (Tropen Verlag) erschienen.

 

3. FRANZISKA HAUSER

»In dieser Ratlosigkeit überkommen mich absurde Empfindungen. Bei dem Vorhaben, eine Postkarte an das Literaturhaus München zu schreiben, habe ich plötzlich eine solche Sehnsucht nach dieser Treppe. Eine ganz unverhältnismäßige Sehnsucht, die wirklich albern wirken würde, hätten wir diese Lage nicht. Mein Kummer bläst sich auf und wird so riesig wie dieses riesige Treppenhaus, in das ich jetzt dringend hineinlaufen will, wie in geöffnete Arme, die mich in einem gigantischen Brustkorb bergen. Ich will sofort diese sprechenden Stufen hinauf laufen, am liebsten barfuß, wie ich es in der Mittagshitze gemacht hatte, mit meinen hochhackigen Holzsandalen in der Hand, um schneller zu sein und um das kühle Holz auf der Haut zu spüren. Stattdessen sitze ich am Berliner Fenster, sehe unten Kinder mitten auf der leeren Fahrbahn durch Nieselregen spazieren und weiß, es ist ja nicht die Treppe, sondern die ganze Vergangenheit, nach der ich mich jetzt sehne.«

Franziska Hauser

FRANZISKA HAUSER kommt aus einer Künstlerfamilie, deren Geschichte Vorlage für »Die Gewitterschwimmerin« war. Mit diesem Roman nahm sie 2015-16 an der Romanwerkstatt unter Angelika Klammer und Karl-Heinz Ott teil. 2017 erschien er im Eichborn Verlag und wurde 2018 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Seit ein paar Wochen gibt es nun »Die Glasschwestern« (ebenfalls Eichborn), ein Roman über zwei ungleiche Schwestern und deren Versuche, die eigenen Verhaltensmuster zu ändern. Ein Generationenroman aus dem ehemaligen Grenzgebiet, der alte Geschichten, Geheimnisse und Lügen zutage fördert. Franziska Hauser ist eine vielseitige Künstlerin, sie ist Autorin und Fotografin, studierte Bühnenbild, Freie Kunst und Fotografie und hat zwei Kinder.

 

2. SIMONE SCHARBERT

»Mein Schreibtisch ist mittlerweile eine Couchpapierlandschaft, inmitten von Kindern, einem verrückten Alltag und dem Versuch, am neuen Projekt zu arbeiten – eine Frauengeschichte während der 50er Jahre, angesiedelt in der damaligen Nervenklinik Haar, die Sprache: lyrisch dicht; eine Kombination von Innen- und Außensicht. Inmitten von alldem auch, die Logbuch-Idee: Jeden Tag eine Papier-Wort-Collage, die mal mehr, mal weniger gut klappt. Und: Zuversicht.«

Simone Scharbert

SIMONE SCHARBERT hat 2015 an einem Seminar für Lyriker teilgenommen, das von Nico Bleutge & Karin Fellner geleitet wurde. Ihr erster Lyrikband »Erzähl mir vom Atmen« erschien 2017 bei Ranis. Im Herbst 2019 erschien »du, alice« im Azur Verlag, eine Selbstanrufung von Alice James, der Schwester des Autors Henry James und des Philosophen William James, der ein Leben lang Schreiben und Bildung verwehrt waren — und die doch mit andern Frauen eigene, subversive Wege fand und zu einer Ikone des frühen Feminismus wurde.  Ein im Wortsinne atemberaubendes Buch. Auf ihrer Homepage findet man gerade einen Strauß von Collagen, die uns in diesen Tagen Freude machen sollen, nur das.

 

1. NAVA EBRAHIMI

»Mein Schreibtisch ist ein Wanderzirkus. Ich ziehe von Platz zu Platz, die Kinder hinterher. Nicht, dass ich zum Schreiben käme, aber es gibt viel zu tun in diesen Tagen. Videolesungen, Podcasts, Live-Gespräche, Corona-Tagebücher – jetzt alles neu in meinem Bauchladen. In dem Zirkuszelt lebt übrigens Batman. Ich sehne mich nach der Ordnung vergangener Tage.«

Nava Ebrahimi

NAVA EBRAHIMI ist in Teheran geboren, hat in Köln studiert und 2013/14 an dem Romanseminar unter Christiane Schmidt und Christoph Peters teilgenommen. Für ihren ersten Roman »Sechzehn Wörter« erhielt sie u.a. 2017 den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises.
Nun ist ihr zweiter Roman »Das Paradies meines Nachbarn« (btb) erschienen. Auch er bewegt sich in dem kulturell und politisch so relevanten Spannungsfeld zwischen Europa und Iran. Der in Deutschland lebende Star-Designer und ehemalige Kindersoldat Ali Najjar glaubt seine Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben, bis er eine Nachricht aus Iran erhält … Über das wunderschöne petrolfarbene Cover flattert ein Schwarm Möwen — Aufregung und Verheißung.