Sankt Moritz

Artists in Residence: Texte aus der Sommerfrische III

Wir hielten Händchen, du und ich. Ich erinnere mich, dass du das pinke Top von Hermès mit weißer Spitze getragen hast. Deine Nippel schienen durch. Du hast sehr feste, kleine Brüste. Ich liebe es, wenn deine enge Kleidung spannt. Weißt du noch? Als wir uns bei Prada in der Umkleidekabine küssten? Via Maistra. Die schwarzen Wände, das fahle Licht. Meine Zunge in deinem Mund. Du hast nach Chanel gerochen, was ich eigentlich nicht mag, aber du bestehst darauf. Schließlich benutzen alle Chanel. Du hattest nur das kleine Dolce-Höschen an. Du flüstertest schmutzige Worte in mein Ohr. Aber Fick mich! hast du nicht gesagt, obwohl das doch unser Codewort ist.

Der Helikopter landet. Sie wollten mich nicht mitnehmen.

Seitdem du die Ausbildung zur Werbetexterin machst, sehen wir uns nicht mehr oft. Als du am Montagabend aus dem Büro kamst, unterhieltest du dich mit einem Typen. Er trug eine schlecht sitzende Anzughose. Würde wetten, dass es Pierre Cardin oder so ein Schrott war. Noch nicht mal ein Jackett. Der Gürtel passte nicht zu den Schuhen. Hat mich geärgert, dass du so lange da mit ihm gestanden hast. Vielleicht hätte ich mir nichts dabei gedacht. Aber dass er sich zum Abschied über dein Gesicht beugte, stand ihm nicht zu. Du lächeltest.
Ich dachte: Macht nichts. Wer ist der schon, der kleine Penner? Nicht mal Geld für einen guten Haarschnitt. So etwas interessiert dich nicht.
Ich sah dich nach Hause gehen. Ich blieb noch lange auf der anderen Straßenseite gegenüber deiner Firma stehen.

Ich darf jetzt rein. Sie rufen mich. Klinik. Kenne ich.

Warum ich dich jetzt eingeladen habe? Musst dich überraschen lassen. Komm, gib mir deine Hand. Schau, das Sonnenlicht! Der Wetterbericht ist gut, regnen wird es nicht. Mein Vater rechnet heute nicht mit mir. Brauche noch Zeit für mich, sagte ich ihm. In der Klinik warnten sie ihn vor einem Rückfall. Rückfall ist das Wort, das alle gerne vermeiden wollen. Wenn ich einen Rückfall erleide, bin ich so gut wie tot, hat der Arzt zu meinem Dad gesagt. Sollte ich das Hotel mal übernehmen, werde ich umbauen. Wir machen dann was ganz Neues draus. Einen Club, erste Adresse, es wird Tekkno laufen, oldschool, Elektronisches. Der Alpenschick muss weg. Die beschissenen, dunklen Balken. Ich ertrage die nicht mehr.

Jetzt bin ich hier. Es piepst und blinkt um mich herum. Das wird schon wieder, hat jemand gesagt.

Eigentlich kannst du heute gar nicht, hast du gesagt. Musst nachher noch arbeiten. Gebe zu, ich war nervös. Schließlich geht es hier um was. Ich will, ach was, ich wollte, … was wollte ich nochmal? Keine anderen Gäste, dafür habe ich gesorgt. Die Hütte gehört uns ganz allein. Hat mich was gekostet, aber du bist es mir wert. Auf den Toiletten war also kein Mensch, weshalb ich in Ruhe konsumieren konnte. Darf ich nicht, aber es beruhigte mich. Der Spiegel zeigt mein Ebenbild. Ich sehe wahnsinnig gut aus. Wollte die Sonnenterrasse für uns mieten. Das Beste nur für dich. Der Felsen fällt zwanzig Meter steil darunter ab, weshalb die Aussicht dort fantastisch ist. Nicht umsonst heißt die Hütte „Adlerhorst“. Taittinger steht auf Eis bereit. Gott, du siehst so sexy aus in dem cremefarbenen Kleid. Sind das Schuhe von Jimmy Choo? Verdammt, die wollte ich dir doch schenken. Wer war da schneller?, frage ich mich. Ich will nur, dass du Fick mich! sagst, aber du schweigst. Stattdessen sage ich: „Schau, dort, der Piz! Siehst du den Schnee?“

© Katja Bohnet

Ist schon so lange her, dass ich mit Dad auf einen Berg gestiegen bin. War eine schöne Zeit, wenn wir auf der Almwiese lagen. Insekten summten um uns rum. Schon da hat er gesagt, dass ich das Hotel mal übernehmen werde. Später. Nach dem Internat.

Junger Mann vom Balkon gefallen. Leider tot. Stand in der Zeitung, erzählst du mir. Was? Bist du traurig? Dein Mascara von Lancome verläuft. Ich reiche dir ein Taschentuch.
„Willst du meine Frau werden?“, frage ich dich. Wir stehen am Geländer, schauen ins Tal. Mir ist schlecht. Alles dreht sich um mich. Aber ich streichele deine Schulter, fahre mit dem Zeigefinger an deinem Spaghetti-Träger entlang. Sehr edel. Costume National?
Eine steile Falte entsteht auf deiner Stirn. Dein Make-up, wirklich perfekt gemacht. Nude Töne. So natürlich mag ich dich. Weil du nicht antwortest, küsse ich dich.
Aber du willst wissen, ob ich noch konsumiere. Ich hätte dir was versprochen.
Habe ich. Weiß ich. Na, und? „Nein“, sage ich, aber du glaubst mir nicht. „Komm“, sage ich, drücke dir ein Glas Champagner in die Hand. Meine Finger zittern. Schnell, trink doch! Was soll ich tun? Ich will dich. Mehr als alles andere. Mehr als das Hotel, die Drogen, mehr als eine Zukunft in dieser Stadt. Ich liebe dich.
Du nippst, schaust mich an, ich lächele, du drehst dich weg. Nein, sagst du. Fick dich!, denke ich, aber du verstehst unser Code-Wort einfach nicht.

Einzelzimmer, Chefarztbehandlung. Besser geht es nicht. Du kannst nicht mehr selber atmen. Eine Maschine macht das jetzt für dich. Der weiße Schlauch in deinem Mund.

Eine Dohle fliegt über uns. Ich packe dich. Ich stoße dich. Der Chiffon deines Gaultier-, Comme des Garçons, deines Wunder … Kind, Lagerfeld, … deines Kleides reißt.

Alle sagen, dass du eine Kämpferin bist, dass du es schaffen kannst. Unfälle passieren. Gerade hier am Berg. Ich bin so froh, dass du ja gesagt hast. Die Werte sind gut, meint der Arzt. Er und mein Vater kennen sich.

Katja Bohnet weilt derzeit im Rahmen des Artists in Residence-Programms mit Nava Ebrahimi, Benedikt Feiten, Nikola Huppertz & Denis Pfabe im Hotel Laudinella in St. Moritz  und schreibt von dort für unseren Blog.
BLOG-Artikel (28.6.2017): Texte aus der Sommerfrische II: Aus dem Luis-Trenker-Handbuch für Bergsteiger
BLOG-Artikel (27.6.2017): Artists in Residence: Texte aus der Sommerfrische I
BLOG-Artikel (25.4.2017: Laudinella meets Literaturhaus meets Bayerische Akademie des Schreibens)
BLOG-Artikel (2.12.2016: Comic-Artists in Residence)

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