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  Finale
Dienstag, 25.06.2002, 19.47 Uhr
Zu den GASTAUTOREN
04.07.2006
  Leopoldstraße. Ein wippender Pulk aus Leibern. Laute Musik, Deutschlandfahnen und viel Bier. Finale grölen alle und ich gröle auch: Finale. Finale. Fiiinale, ohohoho! Schön, mitten in einer Menge Menschen zu stehen, die sich alle über ein und dasselbe freuen. Da ist nichts Schlechtes daran, da gibt es keine Zweifel. Es ist einfach so, wie es ist. Deutschland ist im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Ganz einfach ist das. Man kann sich auch ganz einfach mitfreuen. Freude steckt nämlich an. Stehe mit Tom am Straßenrand und trinke Bier mit einem Bordellbesitzer aus Regensburg und einer Ehemaligen von ihm. Er will heute noch mit ihr schlafen aber sie will nicht. Die beiden streiten und schließlich geht er. Sie lacht und macht sich noch ein Augustiner auf. Fiiinale, ohohoho!! grölen sie wieder und Tom, die Ehemalige und ich grölen mit. Ein Rollstuhlfahrer stellt sich zu uns. Er habe einmal für die deutsche Rollstuhlfahrer-Nationalmannschaft gespielt, sagt er und wir stoßen darauf an. Und darauf, dass wir im Finale sind. Hoffentlich gegen die Türkei, sagen wir alle. Dann gäbe es endlich mal wieder einen Bürgerkrieg. Oder ein schönes Fest. Leck mich am Arsch, steht in einer SMS, die der Bordellbesitzer seiner Ehemaligen schickt. Was machst du heute noch, schreibt mir Brittywoman. Dich sehen?, schreibe ich zurück. Mal sehen, antwortet sie. Mal sehen. Das Telefon der Ehemaligen klingelt. Es ist der Bordellbesitzer. Die Ehemalige sagt, ich habe dich doch schon am Arsch geleckt. Da legt er wieder auf. Sie lacht. Polizisten kommen. Ich frage sie, ob sie vom USK sind. Ja sagen sie. Nein, eine Britt kennen sie nicht, sagen sie. Nette Polizisten. Die Ehemalige will ein Bier mit dem Hauptkommissar trinken. Der darf aber nicht. Fiiinale, brüllen wieder alle und der Hauptkommissar, der Rollstuhl-Basketballspieler, die Ehemalige, Tom und ich brüllen mit. Dann kommen Müllautos und machen die Leopoldstraße wieder sauber. Gschschsch macht es und hinter den Müllwagen läuft eine Polizei-Eskorte. Tom echauffiert sich lautstark, dass die bayerische Polizei so bescheuert sei, dass sie sogar Müllwagen bewacht. Ein Mann mit einer Deutschlandfahne bleibt stehen und streitet mit Tom. Froh sein solle er, dass er hier in München Nachts durch den englischen Garten laufen könne, ohne dass etwas passiert. Was will ich denn Nachts im englischen Garten, lacht Tom. Da haben ja alle Biergärten zu. Der Mann wird aggressiv und schreit Tom an, dass er sich schleichen solle. Tom will sich aber nicht schleichen und lacht. Fiiinale, ohoho!! brüllen ein paar letzte Versprengte. Die Ehemalige sagt, dass sie noch einen Absacker im Kreitmayer trinkt. Ob ich denn nicht mitgehen wolle. Mal sehen, sage ich. Sie geht. Tom ist plötzlich auch weg und der Mann mit der Deutschlandfahne, fragt mich, wo der Tom hin ist, weil er dem Depp sofort eine schmieren müsse. Keine Ahnung, sage ich. Dann geht er auch. Fiiinale, ohoho!!, schreit er noch einmal. Auf einmal steht Brittywoman vor mir und grinst mich an. Na, kannste noch stehen, fragt sie. Ich bin etwas wackelig und sage, na ja geht so. Bist du betrunken, Kleiner?, fragt sie. Fiiinale, ohoho, sage ich. Wir radeln durch den englischen Garten zum Monopterus und setzen uns oben zwischen die Säulen. Ganz ruhig ist plötzlich alles. Würde gerne eine rauchen. Ein Typ schenkt mir eine Zigarette. Rauche. Schön hier oben, sagt sie und küsst mich. Ja, denke ich mir. Schon schön. So schön war es noch nie. Will sie gar nicht berühren oder mit ihr schlafen. Nur küssen. Küssen ist gerade viel mehr als alles andere sein könnte. Dann fahren wir heim. Sie zu sich und ich zu mir. Sehen wir uns am Donnerstag, fragt sie. Ja, natürlich, sage ich. Radle durch den dunklen Englischen Garten nach Hause. Gar nichts passiert, alles ganz sicher. Denke an den Mann mit der Deutschlandfahne. Und an Brittywoman. Sie ist die ganze Leopoldstraße abgefahren und hat mich gesucht. Und gefunden. Fiiinale ohoho!!, brülle ich in den dunklen Englischen Garten.

Ralf Kratzert
        © Foto oben: »Kopfballtraining«, 1935, Ullstein Bild. Bild aus der Ausstellung »Faszination Fußball«. Infos unter www.dfb-kulturstiftung.de  
           
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