Donnerstag, 5.10.2017, 20.00 Uhr, Saal (Foyer-Bar ab 19 Uhr)

Das Glück des Zauberers

Lesung mit Sten Nadolny

Das Glück des ZauberersDurch die Lüfte spazieren, durch Wände gehen und für Sekunden aus Stahl sein – nach dem Motto Allem Zauber wohnt ein Anfang inne gelang es der Zauberer Pahroc so, ein ganzes Jahrhundert und zwei Weltkriege zu überleben. Er gehört zu den Großen seines geheimen Fachs, getarnt hinter Berufen wie Radiotechniker, Erfinder oder Psychotherapeut. Im Alter von über 106 Jahren gilt seine größte Sorge der Weitergabe seiner Kunst an seine Enkelin Mathilda – und so schreibt er sein Leben für sie auf. Sten Nadolny, dessen Welterfolg »Die Entdeckung der Langsamkeit« längst zu den modernen Klassikern der deutschsprachigen Literatur gehört, erzählt die Lebensgeschichte eines Meisterzauberers (Piper Verlag). Es ist die lebenskluge, unerhörte Geschichte eines Mannes und seiner sehr eigenen Art des Widerstands gegen die Entzauberung der Welt.

Moderation: Felicitas von Lovenberg

Büchertisch: Sophias Bokhandel
Veranstalter: Stiftung Literaturhaus
Eintritt: Euro 10.- / 7.- 

»Erster Brief
Einen langen Arm machen
März 2012
 

Meine liebe Enkelin Mathilda,

wenn Du das liest, bist Du achtzehn Jahre oder älter, ihr schreibt etwa das Jahr 2031, und ich bin schon lange tot. Vielleicht schon so lange, dass Du Dich an Großvater Pahroc nicht mehr erinnerst. Ich schreibe Dir ab heute einige Briefe, die Du aber nicht nacheinander, sondern alle zusammen in einer Mappe erhalten wirst, wenn Du groß bist. Besser gesagt: die Du erhalten hast, Du blickst ja gerade auf die erste Seite und beginnst zu lesen. Was ich Dir hier mitteilen will, sind meine wichtigsten Erfahrungen mit dem Zaubern. Daher wird auch jeder Brief eine Zauberart zum Thema haben.
Heute, an einem Märztag des Jahres 2012, hast Du, noch keine vier Monate alt, aus Deinem Korb heraus ein langes Ärmchen gemacht und mir die Brille von der Nase gehauen. Ich bin sehr glücklich darüber. Wir nennen das Ereignis »die lange Hand«, sie ist das, woran wir jemandes Begabung fürs Zaubern schon im Babyalter erkennen. Da geschieht es noch unbewusst im Halbschlaf, danach geht es erst einmal wieder verloren, um nach fünf oder sechs Jahren wiederzukehren. Du bist da bestimmt keine Ausnahme. Ich hoffe, dass Waldemar Dich, wie ich es ihm aufgetragen habe, mit meiner Kollegin Rejlander zusammenbringt. Dann weißt Du auch, wie man diese Techniken einleitet.«
(Sten Nadolny »Das Glück des Zauberers«)